Der ein oder andere kennt die ehemaligen Flachsrösten in Wegberg an der Industriestraße, die eine Heimat für die verschiedensten Amphibien geworden sind, in dem kleinen Forstgebiet hatten ebenfalls Fledermäuse ein Quartier bezogen. Nun wurde der Vorwand der Verkehrssicherung genutzt, um massiv in besagtem Forst Bäume zu entnehmen, ohne Rücksicht auf die lokale Tierwelt und unter Einsatz schwerer Maschinen, die nachhaltig die Böden im Gebiet verdichten. Durch fehlende Beschattung der Flachsrösten aufgrund eines unzureichenden Blätterdachs kann davon ausgegangen werden, dass die Biotope zeitweise oder dauerhaft vertrocknen und somit nachhaltig ein für Amphibien wichtiger Lebensraum zerstört wurde.
Initiiert wurde die Rodung durch eine Aufforderung der Deutschen Bahn, die Verkehrssicherungspflicht nach §24 zu erfüllen. Aufgabe der jeweiligen Waldbesitzer ist hierbei, potentiell umsturzgefährdete Bäume zu fällen, abbruchgefährdete Äste zu entfernen und die Vegetation so zurückzuschneiden, dass sie keine Gefahr für den Schienenverkehr bedeutet, jeweils im Abstand bis 50 Meter rechts und links der Gleise.
Diese Aufforderung nutzte der Klimaschutzmanager der Stadt Wegberg, um einen Antrag in den Rat einzubringen, um die Durchführung der Verkehrssicherungspflicht in Kombination mit einer Durchforstung zu erledigen. Im Antrag - öffentlich sichtbar und abrufbar - ergänzt der Klimaschutzmanager Herr Krapoll, "[...] dass der Baumschnitt nur im Mindestmaß erfolgt". Auf Grundlage des Antrags und der Ergänzung stimmten die Fraktionen der Massnahme zu, die im Winter 2025/2026 durchgeführt werden sollte. Eine Durchforstung beschreibt, dass kranke und schwache Bäume entfernt werden, zu eng stehende Bäume durch Entnahme freigestellt werden, insbesondere um alten Bäumen mehr Raum zu bieten.
Die Durchführung fand schließlich Ende Januar statt, teils in einer "Nacht- und Nebelaktion". Bis spät in die Dunkelheit hinein wurden Arbeiten erst entlang der Gleise und nachfolgend bis über 100 m von den Gleisen entfernt erledigt, wobei selbst die später eingeschaltete Bezirksregierung Köln von einer Rodung und keiner Durchforstung sprach. Auf einigen Flächen wurden nahezu 100% der Bäume entnommen, teils wurden Erlen gefällt, um an alte Eichen heranzukommen, die weder sturzgefährdet noch krank waren. Auf dem Gebiet wurde mit schwerem Gerät gearbeitet, tiefe Furchen durchziehen seitdem die Böden, in denen sich zahlreiche Tiere zur Winterruhe zurückgezogen hatten und von denen ein Teil durch die Arbeiten umgekommen sein wird. Nur durch Einsatz zweier Mitglieder konnte eine ca. 150 Jahre alte Eiche in unmittelbarer Waldgrenze gerettet werden.
Besonders fatal am massiven Eingriff: innerhalb des Waldstücks existieren sogenannte "Flachsrösten", Bodenvertiefungen, in denen zu früheren Zeiten Flachs eingeweicht wurde, um ihn weiterverarbeiten zu können. Auch wenn die Rösten heutzutage keine wirtschaftlichen Nutzung mehr haben, gelten sie in der Region als wichtige Erinnerung an frühere Zeiten und sind teils als Bodendenkmal eingetragen. Auch für die durch die Arbeiten geschädigten Flachsrösten wurde vor Jahren bereits durch den NABU ein Antrag auf Anerkennung als Denkmal gestellt, der aber bis heute nicht bearbeitet wurde. Grund für den Antrag war nicht die Erinnerung an frühere Zeiten, sondern der Umstand, dass es in dem Gebiet eine ausgeprägte Amphibienpopulation gibt bzw. gab, wie inzwischen zu befürchten ist. Auf dem kurzen Stück von ca. 200 Metern wandern im Februar und März teils so viele Tiere, wie andernorts auf einer Strecke von 4 Kilometern. Selbst der besonders geschützte Kammmolch konnte 2024 auf dem Stück gefunden werden. Der zur Stadt gehörende Bauhof hatte Tage vor Beginn der massiven Einschläge Krötenwanderung-Warnschilder aufgestellt, da auch bei der Stadt bekannt war, dass es in dem Gebiet vermehrt Frösche, Kröten und Molche gab.
Nachdem einige Bürger und auch Mitglieder des NABU von den Fällungen erfuhren, wurden die Massnahmen so gut es ging dokumentiert und kommuniziert. Neben der Dokumentation und der Verbreitung in den sozialen Medien wurde auch der Rechtsweg geprüft, unter anderem wurde hierzu die Bezirksregierung Köln eingeschaltet, die umgehend die Fortführung der Arbeiten untersagte und eine Überprüfung ankündigte.
Neben den Naturschutzorganisationen und unzähligen Bürgern, die die von der Stadt und dem Klimaschutzmanager initierten Arbeiten bestürzt machte, äußerten auch Teile der Fraktionen, darunter die Freien Wähler, die Grünen und die SPD, Kritik an den Massnahmen und teilten mit, dass sie dem Antrag unter keinen Umständen zugestimmt hätten, wäre das Ausmaß der Zerstörung im Vorfeld kommuniziert worden.
Industriestraße
41844 Wegberg